Was passiert, wenn Sie die Barrierefreiheitsvorschriften nicht einhalten?

Geschrieben von QESTIT Team | Jul 16, 2026 7:54:43 AM

Ab dem 28. Juni 2025 gelten EU-weit neue, rechtsverbindliche Anforderungen an die Barrierefreiheit gemäß dem Europäischen Barrierefreiheitsgesetz (EAA). Während sich viele derzeit auf die technischen Aspekte der Einhaltung konzentrieren, lautet eine ebenso wichtige Frage: Was passiert, wenn die Anforderungen nicht erfüllt werden?

Dieser Artikel beschreibt die möglichen rechtlichen, finanziellen und rufschädigenden Folgen einer Nichteinhaltung sowie die Ausnahmen, die möglicherweise gelten.

Wer sorgt für die Einhaltung der Vorschriften?

Jeder EU-Mitgliedstaat benennt nationale Durchsetzungsbehörden, die für die Überwachung der Einhaltung der EAA zuständig sind. Diese Behörden verfügen über erweiterte Befugnisse, die nicht nur Einrichtungen des öffentlichen Sektors, sondern auch private Akteure umfassen, die den neuen Anforderungen unterliegen.

Das bedeutet, dass die zuständige Behörde befugt sein wird,

  • Beschwerden aus der Öffentlichkeit über Mängel bei der Barrierefreiheit entgegenzunehmen
  • Audits und Inspektionen durchzuführen
  • Unterlagen anzufordern (z. B. Barrierefreiheitserklärungen)
  • Abhilfemaßnahmen zu verlangen
  • Sanktionen verhängen

Mögliche Konsequenzen und Sanktionen

Wenn ein Unternehmen die gesetzlichen Anforderungen nicht erfüllt, können folgende Konsequenzen eintreten:

  1. 1. Anordnungen zur Einhaltung der Vorschriften

    Die Behörden können verbindliche Anordnungen erlassen, wonach festgestellte Mängel innerhalb einer bestimmten Frist behoben werden müssen.

  2. 2. Reputationsschaden und negative Öffentlichkeitswirkung

    Beschwerden werden oft öffentlich gemacht, und es kann schnell zu einer Nachricht werden, wenn eine Bank, eine E-Commerce-Plattform oder ein Verkehrsdienst für Menschen mit funktionalen Einschränkungen nicht zugänglich ist – was sich sowohl auf das Markenimage als auch auf das Vertrauen der Kunden auswirkt.

  3. 3. Bußgelder

    In schwerwiegenden oder wiederholten Fällen können die Aufsichtsbehörden Geldbußen verhängen. Dabei handelt es sich nicht um symbolische Beträge; die Höhe der Bußgelder richtet sich nach dem Unternehmensumsatz, der Schwere und der Dauer des Verstoßes.

  4. 4. Verkaufsverbote oder Produktrückrufe

    Bei bestimmten Produkten (z. B. Terminals, E-Reader, Fahrkartenautomaten) kann mangelnde Barrierefreiheit zu Verkaufsverboten auf dem gesamten EU-Markt führen.

  5. 5. Zivilrechtliche Haftung

    Wenn eine Person mit einer Behinderung eine Dienstleistung nicht in Anspruch nehmen kann und dies als diskriminierend angesehen wird, können nationale Antidiskriminierungsgesetze zur Anwendung kommen, was möglicherweise zu Schadensersatzansprüchen führen kann.

Ausnahmen und Ausnahmeregelungen – wann gelten die Vorschriften nicht?

Obwohl das Gesetz weitreichend ist, gibt es Situationen, in denen eine vollständige Einhaltung möglicherweise nicht erforderlich ist:

  1. Kleinstunternehmen

    Unternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten und einem Jahresumsatz unter 2 Millionen Euro sind in vielen Fällen ausgenommen. Dies gilt jedoch nicht, wenn sie Produkte oder Dienstleistungen an größere Unternehmen oder den öffentlichen Sektor liefern.

  2. Unverhältnismäßige Belastung

    Unternehmen können Ausnahmen von bestimmten Anforderungen beantragen, wenn sie nachweisen können, dass die Einhaltung dieser Anforderungen im Verhältnis zu ihrer Größe, ihren Ressourcen oder der Art ihrer Dienstleistungen eine unverhältnismäßige Belastung darstellen würde.

Hierfür ist eine eindeutige Dokumentation erforderlich, aus der Folgendes hervorgeht:

    • das konkrete Problem der Barrierefreiheit
    • Die zur Behebung erforderlichen Maßnahmen
    • Warum die Einhaltung der Vorschriften als unverhältnismäßig angesehen wird
    • Welche alternativen Lösungen umgesetzt wurden

Es handelt sich nicht um einen Freifahrtschein, sondern um einen strukturierten Ansatz, um Verantwortungsbewusstsein zu zeigen und gleichzeitig Abweichungen aus triftigen Gründen zu rechtfertigen.

  1. Ältere Produkte und Dienstleistungen

    Produkte, die nicht mehr weiterentwickelt oder verkauft werden und durch neuere Versionen ersetzt wurden, können in einigen Fällen für Übergangsausnahmen in Frage kommen.


Geschäftliche Risiken jenseits der gesetzlichen Vorschriften

Sich auf Ausnahmeregelungen zu verlassen, mag zwar Zeit gewinnen, ist aber selten eine nachhaltige Strategie. Barrierefreiheit ist bereits heute ein Wettbewerbsfaktor. Selbst wenn Ihr Unternehmen unmittelbare Sanktionen vermeidet, bestehen andere konkrete Risiken:

  • Verlorene AusschreibungenViele öffentliche und große private Auftraggeber verlangen mittlerweile die Einhaltung von Barrierefreiheitsstandards in ihren Beschaffungsprozessen.
  • Höhere langfristige KostenDie nachträgliche Anpassung einer nicht barrierefreien Lösung ist weitaus teurer als eine von Anfang an barrierefreie Umsetzung.
  • Verminderte WettbewerbsfähigkeitNutzer erwarten zunehmend, dass Dienste für alle funktionieren. Mangelnde Barrierefreiheit kann zum Verlust von Kunden führen.

Zusammenfassung

Die Einhaltung des Barrierefreiheitsgesetzes ist nicht nur eine gesetzliche Verpflichtung, sondern auch eine unternehmerische Verantwortung. Die Behörden verfügen über klare Instrumente zur Durchsetzung, und die Nichteinhaltung der Anforderungen kann zu Geldstrafen und Reputationsschäden führen.

Zwar gibt es Ausnahmen, doch diese sind kein Ersatz für barrierefreies Design. Das eigentliche Risiko liegt nicht nur in der Nichteinhaltung gesetzlicher Vorschriften – es besteht vielmehr darin, Menschen von digitalen Lösungen auszuschließen, die eigentlich für alle da sein sollten.

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